Ginkgo
Ginkgo biloba
(Ginkgo biloba
L., 1771)
Der Ginkgo ist stammesgeschichtlich eine der ältesten
Landpflanzen, die unseren Planeten besiedeln. Trotz seiner flächigen Blätter
steht er den Palmfarnen und den Nadelbäumen (Nacktsamer) weit näher als den
Laubbäumen. Zahlreiche fossile Funde belegen die Formenvielfalt der Familie der
Ginkgoceae im Mesophytikum. Botaniker unterscheiden zwischen 17 und 19
Gattungen mit mehr als 100 Arten, die ihren Entwicklungsschwerpunkt in Trias und
Jura hatten; die ersten Formen sind aber bereits aus dem Unterperm bekannt (ca.
280 Mio. Jahre). Die einzige rezente Gattung
Ginkgo ist seit dem
Mittelperm vertreten und möglicherweise weltweit verbreitet gewesen, wie Funde
aus Alaska und Spitzbergen nahe legen. Die ungewöhnlich lange Konstanz der Sippe
deutet darauf hin, dass sie Klimaänderungen gegenüber außerordentlich
widerstandsfähig ist, ja selbst schwerste
Katastrophen überstehen kann.
Als Urheimat der
heute existierenden Ginkgo-Bäume wird allgemein das ostchinesische
Teinmushan-Gebirge an der Grenze der Provinzen Anhwei und Chekiang angenommen.
Alle anderen Vorkommen in Ostasien gehen aller Wahrscheinlichkeit nach auf
Anpflanzungen buddhistischer Mönche zurück – ob heute noch natürliche Vorkommen
bestehen, ist unter den Botanikern deshalb heftig umstritten.
Die ersten
überlieferten Aufzeichnungen liegen aus dem 11. Jahrhundert vor, der Herrschaft
der Nördlichen Song-Dynastie (960-1276); gleichwohl sollen die Blätter des
Ginkgo schon bei den
Legendären Kaisern um 2.800 v.u.Z. als Heilmittel
Verwendung gefunden haben. Aus diesen Berichten geht hervor, dass dem Kaiser
Tribut in Form der seltenen Früchte zu entrichten ist. Kurze Zeit später wird
von Prinz Li Wen Ho erzählt, der den Baum in der kaiserlichen Residenzstadt
Kaifeng an einem Tempel pflanzt, spiegelt er doch in seiner Zweihäusigkeit die
Grundlage des Taoismus wider. Im 12. Jahrhundert gelangt der Baum nach Japan und
Korea. Neben religiösen Motiven scheint der essbare Kern, das "beseelte Ei",
einer der Gründe für seine Verbreitung im Fernen Osten zu sein. In der
darstellenden Kunst vor allem in China wird der Ginkgo zeitweise zum
Leitmotiv.
Engelbert Kaempfer, deutscher Arzt und Botaniker in Diensten
der Niederländischen Ostindien Compagnie, veröffentlicht kurz vor seinem Tod
1712 in dem Werk "Amoenitates Exoticarum" eine Beschreibung nebst Abbildung des
Ginkgo, den er auf seiner Japan-Reise 1690-92 in Nagasaki entdeckte. Schon
wenige Jahre danach, zwischen 1727 und 1737, gelangen die ersten Exemplare nach
Europa, werden in Utrecht gepflanzt und dort vermehrt. In den Folgejahren
erfreut sich das "lebende Fossil", wie Charles Darwin den Baum bezeichnet,
zunehmender Popularität: in England (1752), in Frankreich (1754), in Österreich
(1768) und schließlich auch in der Neuen Welt (Philadelphia, USA – 1784)
avanciert er im Zuge seiner chinesischen Modeströmung zu einem der beliebtesten
exotischen Parkbäume des Rokoko.
Den Namen Ginkgo führt Kaempfer ein,
indem er vermutlich das Wort
Gin Kyo, die japanische Übersetzung des
chinesischen
Yin Hsing – Silberaprikose –, mit einem Schreibfehler
übernimmt und auf diese Weise "eindeutscht". Hierzulande können sich andere,
gelegentlich gebrauchte Namen nicht durchsetzen, anders in England, Spanien und
Frankreich: dort ist der Baum als
Maidenhair tree, als
Arbol
sagrado (Heiliger Baum), als
Noyer du Japon oder als
Arbre aux
quarante ecus (Baum, der 40 Taler [kostet]) bekannt. Die Chinesen nennen ihn
Yin kuo tsu (Silbernuss-Baum),
Ya chio (Entenfuß-Baum, der
Blattform wegen) oder
Kung sun shu (Großvater-Enkel-Baum: nur ältere
Bäume bilden "Früchte"), im japanischen ist es der
icho (von
Ya
chio). Carl von Linné verdanken wir schließlich die wissenschaftliche
Namensgebung. Er behält Kaempfers Bezeichnung als Gattungsnamen bei und fügt als
Artnamen
biloba, zweilappig, bezogen auf die Blattform,
hinzu.
Saarbrücken genießt den Ruf, die erste deutsche Ginkgo-Stadt
(1761) zu sein. In Harbke bei Magdeburg wird 1782 ein Ginkgo gepflanzt; das
Wahrzeichen der anhaltinischen Gemeinde dürfte heute Deutschlands ältester
Ginkgo sein, wenngleich ein solches Alter durchaus nicht ungewöhnlich für
Ginkgos außerhalb Asiens ist. Dort werden sie jedoch ungleich älter,
verschiedene Quellen sprechen von 3.000 bis 4.000 Jahre alten Bäumen.
Beschreibung
Wuchs / Krone
bis 30 m, in seltenen Fällen bis 40 m hoch; meist schlank
aufrecht, gelegentlich breitkronig oder säulenförmig; Stamm gerade und
durchgehend, mit wenigen kurzen Ästen, unregelmäßiger Zuwachs – in manchen
Jahren kaum, in anderen bis 60 cm in den Langtrieben
Belaubung
Triebe hellgrün, glatt, im zweiten
Jahr bräunlich verholzend; Laubaustrieb Ende April; zunächst hell, später
dunkelgrün; lederartig-derb, unverwechselbar fächerförmig mit charakteristischer
Nervatur; spiralig an den Langtrieben und büschelig an den Kurztrieben;
Herbstfärbung goldgelb, Verfärbung ab Ende September (Anmerkung: Da der Ginkgo
erstmalig im Alter von 15-20 Jahren blüht, ist eine Geschlechtsbestimmung an
jungen Bäumen nicht ganz einfach. Die weiblichen Bäume öffnen ihre Blattknospen
2-3 Wochen nach denen der männlichen und behalten das Blatt im Herbst etwas
länger. Dieser Vergleich setzt allerdings voraus, dass beide Geschlechter
relativ nahe beieinander stehen und der Prozess nicht klimabedingt überlagert
wird. Da die gepflanzten Bäume in unseren Breiten aus Stecklingen gezogen
werden, sollte wenigstens der Pflanzende wissen, woher sein Steckling
stammt.)
Blüte / "Frucht"
zweihäusig; weibliche Bäume
wesentlich seltener als männliche; weibliche Kätzchen 6-8 cm lang, erscheinen
mit den Blättern; männliche Blüten ähneln langgestielten Eicheln, 1-2 cm lang,
Stiel ca. 4 cm; Samen an der Basis mit kragenartiger Wulst, reif kugelig und
mirabellenförmig, 2-3 cm lang, zunächst grün, mit der Laubverfärbung gelb, dann
braun; (über)reife Samen mit aufdringlich unangenehmem Buttersäure-Geruch;
weißer, zugespitzter, essbarer Kern (soll in größeren Mengen berauschend wirken
und zu ernsteren Beschwerden führen); Windbestäubung, Befruchtung im Herbst; der
Embryo reift erst im Boden
(Anmerkung: Der Samen des Ginkgo ist keine
Frucht, d.h. ein vom Fruchtfleisch umgebener Samen, der für Bedecktsamer typisch
ist. Die Samenanlage ist wie bei allen Nacktsamern von einem einzigen Integument
umgeben, das im Falle des Ginkgo in eine äußere fleischige Sarcotesta und eine
innere holzige Sclerotesta differenziert. Für eine erfolgreiche Windbestäubung
dürfen die weiblichen und männlichen Bäume nicht weiter als 1,5 km getrennt
stehen.)
Eignung als Straßenbaum
Da die Art vollkommen
winterhart, extrem industriefest und immun gegen alle in Mitteleuropa bekannten
Baumkrankheiten (einschließlich Parasitenbefall) ist, eignet sich der Ginkgo
prinzipiell hervorragend als Straßenbaum. Er ziert viele amerikanische
Großstädte (u.a. Chicago, New York, Philadelphia als Straßenbaum, Pittsburgh)
und gedeiht selbst in den Straßen von Manhattan. Eine der schönsten
Ginkgo-Alleen befindet sich auf dem Gelände der Universität Hokkaido.
In
der Literatur wird der Ginkgo bezüglich seiner Wuchsform und seines Kronenbildes
überwiegend als attraktiv beschrieben und lässt ihn – unter Zugrundelegung der
Pückler-Muskauschen Ästhetik einer linearen straßenbegleitenden Pflanzung –
prädestiniert erscheinen; Beispiele dafür finden sich in Berlin um die
Nikolaikirche, in Dresden und in Rathenow. Mitunter kann sich seine
gelegentliche Variabilität im Habitus aber negativ auf das Gesamtbild einer
Allee niederschlagen.
Der Ginkgo scheint nach neueren Erkenntnissen
empfindlich gegen Schnitte, auch gegen Erziehungsschnitte, zu sein, die gerade
an Straßen zumeist unerlässlich sind: in vielen Fällen soll er mit
fortschreitend unberechenbarem Wuchs und auffällig unregelmäßigem Kronenaufbau
reagieren.