Hornisse (Vespa crabro)
Jedes Jahr im Hochsommer rufen besorgte Bürger an, weil auf dem Dachboden
ihres Hauses, in der Garage, in einem nahestehenden Baum oder am Kindergarten
ein Hornissennest hängt oder vermutet wird; die Tiere schwärmen, laut brummend,
den ganzen Tag, meistens auch noch nachts.
Die Fragen : Was tun? Sind die Hornissen wirklich gefährlich? Was empfehlen
Sie?
Die
Antworten : Nichts! Nein! Lesen und beobachten!
Die auffällige und fast unverwechselbare Hornisse kommt in Deutschland in zwei regional getrennten Unterarten vor, im Norden und Osten ist es die Nominalform V.c. crabro, im Süden und Westen V.c. germana.
Mitte des 19. Jh. wurde sie in Amerika eingeschleppt und hat mittlerweile den
Mississippi überschritten.
In Europa ist sie weit verbreitet, erreicht im
Norden Mittelschweden, allerdings ist sie nirgendwo häufig, ihre Bestände sind
lokal gefährdet und teilweise erloschen.

Die Saison der Hornissen beginnt Anfang Mai noch unauffällig, wenn sich die aus der Überwinterung erwachten Jungköniginnen auf die Suche nach geeigneten Nistmöglichkeiten begeben. In erster Linie kommen Hohlräume in Bäumen oder Gebäuden in Frage, aber auch ruhige Räume werden gern angenommen. Dort baut die Königin etwa 50 Waben und belegt sie mit befruchteten Eiern, aus den binnen 3 Wochen die ersten Arbeiterinnen schlüpfen, die anschließend das Nest sukzessive bis zur vollen Stärke von 400 bis 700 Individuen mehr-etagig ausbauen und mit einer papierartigen Hülle umgeben, die aus mit Speichel vermischten Zellulosefasern besteht.
Bei ausreichendem Platz kann das Nest eine Höhe von 60 cm und eine Breite von 40 erreichen, ist allerdings in den seltensten Fällen ein geometrischer Körper. Reicht der Platz nicht aus, richten sie gelegentlich "Filialen" ein, Zweitnester, in die das Volk dann mit der Königin meistens komplett umzieht.
Diese stellt ihre eigene Futtersuche schließlich ein und widmet sich allein
der Eiablage und der Kontrolle des Volkes.
Im Spätsommer erscheinen die
ersten Drohnen, männliche Tiere, die aus unbefruchteten Eiern hervorgegangen
sind, gleichzeitig entwickeln sich aus den befruchteten Eiern Jungköniginnen,
die im folgenden Jahr ein neues Volk gründen werden.
Die Drohnen sind mit
21-28 mm Länge etwa größer als die Arbeiterinnen (18-25 mm), aber deutlich
kleiner als die Königin (bis 35 mm).
Ab September beginnt die Paarung, die Samen werden in einer Samentasche
"zwischengelagert", die Befruchtung der Eier erfolgt erst kurz vor der Eiablage
ab dem nächsten Frühjahr. In dem Maße, wie sich die Arbeiterinnen zunehmend um
die künftigen Königinnen kümmern, vernachlässigen sie die "Alte", die das Nest
schließlich verlässt und im Alter vom 12 Monaten stirbt.
Arbeiterinnen und
Drohnen erreichen schon nach 4 Wochen ihre Altersgrenze, die Funktion Letzterer
im Hornissenvolk erschöpft sich denn auch mit der Begattung.
Über das Jahr betrachtet, sind Hornissen Allesfresser, allerdings ist eine Differenzierung nötig. Die Larven und die Königin benötigen eiweißreiche Nahrung, die die Arbeiterinnen in Form von Insekten(teilen) herbeischaffen. Sie selbst nehmen fast ausschließlich die energetisch hochwertigen und rasch verwertbaren Kohlenhydrate auf, wie sie im Fallobst und im Blütennektar enthalten sind. Im Gegensatz zu vielen anderen Insekten nehmen sie auch aktiv Wasser auf.
In vielen Verhaltensmustern gleichen die Hornissen anderen Hautflüglern, insbesondere natürlich den Wespen, aber auch Bienen und Ameisen. Anderes erstaunt die Wissenschaft immer noch, obgleich die Hornisse zu den gut bekannten Arten gehört. Rätselhaft ist beispielsweise die schlagartige, nur eine knappe Minute währende vollkommene Ruhe im Volk, die des nachts mehrmals einsetzt - als sei die Zeit plötzlich stehen geblieben.
Die Hautflügler sind ausgesprochen ruhige, man möchte sagen: harmonische
Flieger.
Während Schmetterlinge eher taumelnd flattern, Fliegen abrupte Haken
schlagen und Libellen zudem rasche Tempiwechsel lieben, schweben Hornissen in
weiten Pendeln brummend durch die Luft. Hindernissen weichen sie bereits auf
mehrere Meter Entfernung in der Regel aus, können sich jedoch durch weit
geöffnete Fenster gelegentlich verirren.
Am Nesteingang wacht meistens eine Handvoll Arbeiterinnen, die die Ankömmlinge in Empfang nehmen und das Nest gegen Eindringlinge verteidigen.
Von Bienen ist die Fähigkeit bekannt, einen großen Teil ihres Stockes mobilisieren zu können, um sich einer Gefahr zu entledigen und den (vermeintlichen) Angreifer manchmal mehrere hundert Meter zu verfolgen - Hornissen erledigen diese Aufgabe im Alleingang. Die Gefahr muss zudem selbst nach menschlichen Maßstäben schon reichlich offensichtlich sein, ehe eine Hornisse sich mit ihrem Stachel zur Wehr setzt. Sie gelten als friedlich, keinesfalls angriffslustig und scheu.
Im Unterschied zu den Wespen der Paravespula-vulgaris-Gruppe, zu der die bei uns häufigen Arten Deutsche Wespe und Gemeine Wespe gehören, suchen sie nie die Nähe des Kuchentellers. Verschiedentlich ist darüber spekuliert worden, was passiert, wenn man versehentlich eine Hornisse verschluckt - ein eher akademisches Gedankenspiel und nahezu ausgeschlossen.
Nicht ausgeschlossen ist aber, einmal gestochen zu werden - was dann ?
US-amerikanische Wissenschaftler haben 1982 eine Statistik der Todesursachen vorgelegt, in der Insektenstiche enthalten waren (damals war die berüchtigte Killer-Biene noch kein ernst zu nehmender Faktor). Danach war die Wahrscheinlichkeit, von einem Blitzschlag getötet zu werden, um den Faktor 3 höher als durch ein Insekt - wohlgemerkt: alle Insekten, nicht etwa nur Hornissen oder Hautflügler.
Toxikologen wollten es genau wissen und haben die LD50 bestimmt, diejenige
Dosis eines Giftes, die zum Tod der Hälfte aller betroffenen Fälle führt. Im
Fall des Bienengiftes sind es 6 mg/kg Körpergewicht, bezogen auf einen 80 kg
schweren Menschen also 480 mg, was in etwa 3.200 Bienenstichen
entspricht.
Die gleiche Wirksamkeit erreicht das Hornissengift bei einer
Dosis 10 - 90 mg/kg Körpergewicht oder über 12.000 Stichen !
Diese Rechnung
wäre zudem nur dann korrekt, wenn die Tiere bei jedem Stich den gesamten Inhalt
ihrer Giftblase injizieren.
Bei der Biene ist das auch so, denn beim
Abstreifen des Tieres von der Haut reißt die Giftblase aus dem Hinterleib heraus
und entleert sich vollständig; das bringt zwar den individuellen Tod mit sich,
schreckt aber den Gestochenen meistens wirkungsvoll ab, so dass das übrige Volk
unbehelligt bleibt. Die Bienenstachel ist damit ein reines
Verteidigungsinstrument.
Einen derart freigiebigen Umgang kann sich die Hornisse nicht erlauben. Da sie ihr Gift auch zum Töten ihrer Beutetiere einsetzt, muss sie damit haushalten, wird also die Giftmenge dosieren müssen - auch bei der Abwehr.
Das eigentliche und weit verbreitete Problem bei Hornissenstichen ist subjektiver Natur. Es ist letztlich die gleiche Panikreaktion, die bei Menschen zu beobachten ist, in deren Gesichtsfeld eine Wespe fliegt und die wild mit den Armen um sich schlagen, anstatt das neugierige Tier gewähren zu lassen.
Der kurze gedankliche Sprung - wenn ich sie nicht beunruhige, tut sie mir nichts, warum sollte sie auch - scheint in unseren hochentwickelten Gehirnen einfach nicht machbar zu sein. Insekten sind nun einmal von Instinkten geprägt, und aus dieser Perspektive wird die panisch-unkontrollierte Reaktion des Menschen tatsächlich zur Gefahr für die Biene, Wespe oder Hornisse: Provokation in Reinform.
Sehr viel seltener sind allergische Hautreaktionen auf Insektenstiche, dann meistens lokal begrenzt, die ambulant behandelt werden können, wenn es denn überhaupt nötig ist. Die schwerste Form, der anaphylaktische Schock, tritt unter den Insektenstich-Allergikern (etwa 4 % der Bevölkerung) mit einer Wahrscheinlichkeit von 0,0084 % auf, d.h. 1 von 100.000 Betroffen erleidet ihn; bezogen auf die Gesamtbevölkerung der Bundesrepublik betrifft es statistisch 270 Personen, wenn sie denn gestochen werden - Todesfälle so gut wie ausgeschlossen. Diese Berechnung geht auf eine Untersuchung aus der Schweiz zurück und bezieht sich auf Bienenstiche. Das sei deshalb betont, weil die allergischen Reaktionen bei Hornissenstichen viel seltener und die Giftwirkungen zudem noch geringer sind.
Bei solch nüchterner Betrachtung sollte eine Angst vor Hornissen gänzlich unbegründet erscheinen.