Die Linden auf dem Kamp wurden geköpft

„Und ich weiß, dass diese Welt eine Welt der Phantasie und Vision ist ... Der Baum, der manche zu Tränen rührt, ist in den Augen anderer nur ein grünes Ding, das im Wege steht."

Etwa zur gleichen Zeit - vor ungefähr 200 Jahren -, als der englische Dichter und Maler William Blake diese Worte schrieb, wurde auf dem Kamp, einer ehemaligen Viehweide im heutigen Zentrum der Kreisstadt, eine parkähnliche Anlage geschaffen, die in engem Zusammenhang zu den Bauten Friedrich Franz I. und seines Baumeisters, Carl Theodor Severin, standen und heute noch stehen.

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Der umlaufende Weg ist durch eine beidseitige Bepflanzung mit engstehenden, mehrfach gekappten bzw. anderweitig beschnittenen Linden geprägt.

Die innenliegende Platzsituation charakterisiert sich über den Weißen und den Roten Pavillon sowie mehrere phantastische Einzelbäume, darunter zwei riesige Stiel-Eichen und eine Blutbuche.

Das Wesen einer Parkanlage wird in erster Linie über seinen Gehölzbestand erlebt, der somit eine zentrale Rolle jeder Anlage spielt. Geschlossene Gehölzbestände wie Alleen erhalten ihr Flair also weniger aus dem Habitus ihrer Individuen als vielmehr erst aus dem optischen Wirkgefüge des Gesamtbestandes. Das heißt andererseits aber gleichzeitig, dass bereits der Ausfall eines Baumes oder weniger Bäume zu einer ästhetisch empfindlichen Störung führen kann und damit die Bedeutung des Einzelnen allegorisch erhöht.

Mögen die des Sommers belaubten Linden auf dem Kamp dem Betrachter, der naturgemäß die Baumkronen aus seiner bodennahen Perspektive sieht, auch gesund und vital erscheinen – sie sind es keineswegs. Und sie waren es auch schon vor über 100 Jahren nicht mehr.

Belegen lassen sich die Linden auf dem Kamp bereits für 1796. Der Landschaftsgärtner Otto Finck vermerkt in einem Gutachten vom 4. Januar 1889, die Linden seien „in doppelter Dichtigkeit" gepflanzt worden, „um schnell Schatten zu erhalten". Nach etwa 15 bis 20 Jahren sollte der Bestand dann soweit ausgedünnt werden, dass „die Verbleibenden jene Dimension annähernd erlangen können, welche einen freistehend entwickelten Baum schön erscheinen lässt".

Welche Ursachen diese Unterlassung, die der Landschaftsarchitekt Andreas Webersinke 1993 als eine „gärtnerische Fehlleistung" bezeichnete, seinerzeit hatte, kann nicht mehr festgestellt werden. In ihrem extremen Engstand konkurrierten die Linden untereinander um Licht, Nährstoffe und Wasser und hatten mit einer zunehmenden Bodenverfestigung zu kämpfen.

Ergebnis: Für über 200-jährige Bäume sind die Linden geradezu schmächtig entwickelt. Die sich daraus ergebenden Probleme wurden von Generation zu Generation mitgeschleppt. An den auffälligen Stammverdickungen in annähernd gleicher Höhe lässt sich jedenfalls ablesen, dass sie bis 1889 mindestens zweimal vollständig gekappt worden sind.

In jenem Jahr entbrannte ein offenbar recht heftiger Streit um die weiteren, zweifellos dringend erforderlichen Maßnahmen. Vier Gutachten nebst einigen weiteren mehr oder weniger kompetenten Wortmeldungen geben Auskunft darüber, dass die Auffassungen weit auseinander gingen, sowohl über das WAS als auch über das WIE: Kappen, Köpfen oder Fällung mit Neupflanzung, alle Bäume in einem Durchgang oder abschnittsweise, Herausnahme jedes zweiten Baumes, welche Art von Düngung und sonstiger Bodenverbesserung. Einigkeit bestand lediglich darin, sofort handeln zu müssen, denn der Zustand der Linden erwies sich als außerordentlich besorgniserregend.

Wahrscheinlich sind die Bäume daraufhin schließlich geköpft worden mit der Vorstellung, die Linden langfristig als Kopfbäume weiter zu erziehen. Kopfbäume zeichnen sich durch einen dünnastigen, pinselartigen Austrieb aus, dessen Schnitt in periodischen Abständen wiederholt werden muss, um die Kronen in einem statisch stabilen Gleichgewicht zum Stamm zu halten. Anders als bei Kopfbäumen im Freistand (etwa den typischen Kopfweiden) konnte von Beginn an jedoch nicht mit einem nennenswerten Dickenwachstum im Stammbereich gerechnet werden, das die sich entwickelnde Kronenlast hätte auffangen können. Also mussten – und müssen – regelmäßig weitere Schnitte erfolgen. Dies geschah auch 1909 (?), 1927 und 1983. Zwischen den letzten beiden Schnitten lagen 46 Jahre – für die Bäume eine dramatisch lange Zeit.

Abgesehen vom verspäteten Zeitpunkt wurden die ausgetriebenen Äste 1983 etwa einen halben Meter oberhalb der Schnittstelle von 1927 horizontal (!) entfernt. Warum eine solche Schnittführung erhebliche Probleme für die Physiologie eines Baumes bringen kann, soll ein kurzer Ausflug in die Baumbiologie zeigen.

Rinde und äußere Holzschichten (lebendes Holz = Parenchym) erfüllen vor allem hinsichtlich der Versorgung des Baumes entscheidende Aufgaben, während der aus abgestorbenen Holzzellen bestehende Kern überwiegend statische Funktion besitzt. In der Rinde werden die Assimilate, die Produkte der Photosynthese (Zucker und weiterverarbeitete Kohlenhydrate), aus den Blättern abwärts zu den Wurzeln transportiert, während im Gegenstrom Wasser und Nährstoffe durch die Leitungsbahnen des lebenden Holzes von den Wurzeln in die Krone gelangen. Werden die weitgehend senkrecht aufsteigenden Äste abgenommen, so werden damit zwangsläufig auch die Leitungsbahnen gekappt.

Der Baum reagiert darauf mit einer verstärkten Parenchym-Bildung (Kallus-Bildung, sog. Überwallung), um die röhrenförmigen Leitungsbahnen beispielsweise gegen das Eindringen von Pilzen abzuschotten. Sie beginnt ringförmig am vorhandenen Parenchym, bezieht die Rinde mit ein und setzt sich im Laufe der Jahre zum Zentrum hin fort; im Idealfall schließt sich die Wunde vollständig. In diesem Kallus, vergleichbar einem Wundgewebe, differenzieren sich aus omnipotenten Zellen verschieden spezialisierte Zellverbände, u.a. neues Leitgewebe. Am jeweils höchsten Punkt einer Wunde setzt durch eine Umstrukturierung der verbliebenen Leitungsbahnen das erneute Wachstum verstärkt ein, während der übrige Rand der Wunde unterversorgt bleibt. Da es bei einem horizontal geschnittenen Ast keinen „höchsten Punkt" gibt, wachsen aus dem kreisförmigen Kallus mehrere, eben auch kreisförmig angeordnete, gleichstarke Zweige heraus, die untereinander um Licht, Wasser und Nährstoffe konkurrieren. Im Zentrum entsteht eine topfartige Hohlform, die so schnell nicht überwallen kann, aber eine ideale Eintrittspforte für Pilze ist und damit einen Fäulnisprozess in Gang setzt, der sich weit in den Stamm ziehen kann.

Nach 1990 – sieben Jahre nach dem letzten Schnitt – sind die Kronen abermals in einen statisch labilen Zustand geraten, der ein erneutes Handeln unumgänglich macht. Wie weit diese Fäulnis in die Kronenköpfe der Linden am Kamp vorgedrungen ist, kann niemand genau sagen. Die Stadt Bad Doberan, der Landkreis und das Landesdenkmalpflegeamt haben daher gemeinsam mit dem Planungsbüro Schulz über verschiedene Alternativen beraten. Zunächst wurde geprüft, ob die Linden erhalten werden können oder ob eine Neupflanzung nicht die sinnvollste, wenn auch zugleich radikalste und schmerzhafteste Maßnahme wäre. Vorausgesetzt, die Kappung würde fachgerecht durchgeführt, kann den Linden eine noch verbleibende Lebenserwartung von 20 bis 40 Jahren zugestanden werden, vielleicht sogar wesentlich mehr. Eine Neupflanzung – die andere Alternative – wäre zum jetzigen Zeitpunkt nicht finanzierbar.

Neben den Kosten für die Fällung der verbliebenen 187 Bäume (am 28. September 1889 waren es noch 243 !) und die eigentliche Neupflanzung müsste ein kompletter Bodenaustausch eingerechnet werden. Dass eine solche Maßnahme irgendwann erforderlich sein wird, dürfte unstrittig sein. Um sie anzugehen, bedarf es aber einer langfristigen Planung und vor allem einer langfristig gesicherten Bereitstellung der Finanzen.

Die Behörden haben sich daher auf folgende Variante geeinigt:


Die Linden werden zwischen den Schnittstellen von 1983 und 1927 (die etwa einen halben Meter tiefer liegt) gekappt, und zwar so tief, dass die Fäulnisherde nach Möglichkeit mit beseitigt werden. Der Schnitt wird dabei schräg nach innen geführt, so dass zum einen das Wasser gefahrlos ablaufen kann und zum anderen am höchsten Punkt der Schnittstelle (der also am Außenrand der Wunde liegt) ein neuer Ast nach oben gezogen werden kann. Damit wird erreicht, dass insbesondere bei den mehrstämmigen Kronenköpfen die Äste nicht miteinander konkurrieren müssen. Dass das ablaufende Wasser sich in den Kronenköpfe eventuell sammeln und dort zu Schäden führen kann, steht nicht zu befürchten.

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Die Astungswunden werden mit einem die Kallusbildung anregenden Holzschutzmittel bestrichen. Nach etwa drei Jahren werden kleine, nicht mehr ins Auge fallende Nachschnitte ausgeführt, jedenfalls so lange, bis sich aus den Astwunden ein starker Leittrieb entwickelt hat. Für die Zukunft werden die Linden damit nicht mehr als Kopfbäume im strengen Sinne, sondern als schlanke, ihrer natürlichen Wuchsform eher entsprechende, vor allem aber stabile Bäume entwickelt. 

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Dennoch: Die Fehler der Vergangenheit – die zu enge Pflanzung und/oder das Versäumnis der Herausnahme mindestens jeden zweiten Baumes – können auch damit nicht mehr korrigiert werden. Das bleibt einer künftigen Generation mit einer Neupflanzung vorbehalten. Hinweise, Anregungen, Meinungen – wir sind offen für jedes Gespräch: Schreiben oder Mailen Sie uns:

Landkreis Bad Doberan

Untere Naturschutzbehörde
W.-P. Polzin
A.-Bebel-Str. 3
18209 Bad Doberan

(2 Fotos: Wolf-Peter Polzin)

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