Zu (un)guter Letzt

Einführung:
Auf dieser Seite werden in regelmäßigen Intervallen Texte zu finden sein, die sich mit der gedanklichen Auseinandersetzung zum Thema Natur beschäftigen. Sie sollen in erster Linie zum Nachdenken anregen, zum Nachdenken über den eigenen Umgang mit unserer Umwelt, zu dem, was wir täglich tun oder unterlassen. Sie sollen auch dazu dienen, Wissenswertes zu vermitteln.
Insbesondere soll die Fachlehrerschaft Biologie der Gymnasien angesprochen werden - wir halten die Texte für gut geeignet, mit den Schülern vertiefende Betrachtungen dazu im Unterricht anzustellen.

Ingetraud Godemann
Amtsleiterin

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Horst Stern: Baum oder Zahl ?
"Zeit" vom 21. Juni 1991

nachgedruckt in:

Horst Stern: Das Gewicht einer Feder.

Reden, Polemiken, Filme, Essays.


btb-Taschenbuch,
Goldmann-Verlag, 1. Aufl. 1997, S. 252f.
Auszug, leicht gekürzt

"...

Es ist mir immer verborgen geblieben, wie ein Minus, das man mit einem Minus multipliziert, ein Plus ergeben kann, und darauf läuft es nach meinem Verständnis von Natur im Grunde ja hinaus, wenn man zerstörte Natur mit einem zutiefst gestörten menschlichen Verhalten ihr gegenüber multipliziert und sich davon Gewinn für beide, Mensch und Natur, verspricht. Und ist ein Verhalten nicht tief gestört, das die Bilanzierungskünste des Marktes auf Ökosystem anwenden will und Landschaftsruinen demnächst womöglich wie Abschreibungsobjekte, auf welche Ökosteuern nachzuzahlen sind, wenn eine steuerbegünstigte schonende Nutzung der Natur zu Ausbeutung und Zerstörung geriet ? Und was dann ? Geldströme zu ihrer Neubelegung einleiten in die gestörten Kapillarnetze von Tieren und Pflanzen ?

Und wie bewertet man den verlorengegangenen Nutzen eines Naturpotentials? Der Münchener Biologe und Kybernetiker Frederic Vester wagte sich an einen Versuch. Er wollte einer geldorientierten Gesellschaft ein paar Zuckerle geben, um sie zum Nachdenken über die Natur in Kategorien zu veranlassen, die ihnen geläufig sind: in denen des Geldes. Er erforschte das Leben eines Blaukehlchens im Jahresrhythmus und bilanzierte die materiellen und ideellen Werte, die dieser kleine, selten gewordene Vogel der menschlichen Gesellschaft erbringt. Ich kann nicht einmal anfangen die Rechnung nachzuzeichnen, so umfangreich geriet sie. Vester brauchte ein halber Jahr für die fiktive monetäre Bewertung dieses nur wenige Gramm wiegenden Federbällchens, und es wurde ein ganzes Buch daraus. Das Ergebnis war, dass die auf fünf Jahre hochgerechnete Leistung des kleinen Schädlingsvertilgers, Schönlings und Kunstzwitscherers bei einem materiellen Eigenwert von 3,1 Pfennigen sich auf 1.357, 13 DM beläuft. Als bayerische Schulen sich um das Buch seines großen didaktischen Wertes wegen für den Umweltunterricht bemühten, lehnte das Kultusministerium ab. Das Werk entspreche nicht den bayerischen Schulbuchnormen.

Soviel zur gesellschaftlichen Akzeptanz einer Ökobilanz ..."

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Bertolt Brecht: Herr K. und die Natur
in: Geschichten vom Herrn Keuner (1935-1959)

Suhrkamp Taschenbuch 16
1. Auflage, 1971, S.23


Befragt über sein Verhältnis zur Natur, sagte Herr K.: „ Ich würde gern mitunter aus dem Haus tretend ein paar Bäume sehen. Besonders da sie durch ihr der Tages- und Jahreszeit entsprechendes Andersaussehen einen so besonderen Grad von Realität erreichen. Auch verwirrt es uns in den Städten mit der Zeit, immer nur Gebrauchsgegenstände zu sehen, Häuser und Bahnen, die unbewohnt leer, unbenutzt sinnlos wären. Unsere eigentümliche Gesellschaftsordnung lässt uns ja auch die Menschen zu solchen Gebrauchsgegenständen zählen, und da haben die Bäume wenigstens für mich, der ich kein Schreiner bin, etwas beruhigend Selbständiges, von mir Absehendes, und ich hoffe sogar, sie haben selbst für den Schreiner einiges an sich, was nicht verwertet werden kann."

Warum fahren Sie, wenn Sie Bäume sehen wollen, nicht einfach mal ins Freie ?" fragte man ihn. Herr Keuner antwortete erstaunt: „Ich habe gesagt, ich möchte sie sehen aus dem Hause tretend." (Herr K. sagte auch: „Es ist nötig für uns, von der Natur einen sparsamen Gebrauch zu machen. Ohne Arbeit in der Natur weilend, gerät man leicht in einen krankhaften Zustand, etwas wie Fieber befällt einen.")

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Thomas Pynchon
Die Enden der Parabel
(Gravity´s Rainbow, 1973)
deutsch von Elfride Jelinek und Thomas Piltz
Rowohlt Taschenbuchverlag, 1989
S. 1129

 

Erinnere Dich, du hast dich () weggeschlichen, um einen Augenblick allein zu sein mit dem, was du über das Land vibrieren fühltest ... dem grünen Frühlingspunkt, der Tagundnachtgleiche ... aufbrechende Schluchten, gigantische Fumarolen auf dem Grund, dampfendes tropisches Leben, wie Pflanzen in einem Treibhaus, geil, drogenduftend, eine Hülle aus Gerüchen ... das menschliche Bewußtsein, der arme Krüppel, das deformierte und verfluchte Ding wird gleich geboren werden. Hier ist die Welt kurz vor dem Menschen. Zu wild in stetem Strom ins Leben gepeitscht, als daß sie Menschenaugen je ertrügen. Sie sind dafür geschaffen, den toten Überrest zu sehen, verwest in stummen Schichten und verwandelt in Öl oder Kohle. Lebendig war´s eine Bedrohung: es warn Titanen, war ein Überborden des Lebens, so schrill und wütend, eine so grüne Aureole um den Leib der Erde, daß ein Verheerer kommen mußte, sollte es die Schöpfung nicht zersprengen. So wurden wir, die verkrüppelten Hüter, ausgesandt, uns zu vermehren und zu herrschen. Gottes Verheerer. Wir. Die Konterrevolutionäre. Wir sind beauftragt, das Geschäft des Todes zu betreiben. In unserer Art zu töten, in unserer Art, zu sterben, als einzigartige unter den Kreaturen. Es war etwas, an dem wir arbeiten mußten, historisch und als Individuum. Etwas, das wir aus dem Nichts entwickelten zu seinem heutigen Stand, eine Kette von Reaktionen, so stark wie das Leben selbst, den grünen Aufruhr niederhaltend. Aber nur fast so stark.

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Horst Stern: Mann aus Apulien

Die privaten Papiere des italienischen
Staufers Friedrich II., römisch-deutscher Kaiser,
König von Sizilien und Jerusalem,
Erster nach Gott, über die wahre Natur der Menschen
und der Tiere, geschrieben 1245 – 1250

Droemersche Verlagsanstalt, 1. Auflage, 1988
S. 43/44
- leicht gekürzt -

Da sitze ich nun. Liebe ich Tiere? Im animalischen Kontext ist dies ein ungewohntes Wort, das mich aus einer banalen Redensart unerwartet gewichtig anflog. Es hat, so gebraucht, etwas Sodomitisches an sich. Ins Bewusstsein gehoben, verursacht es mir jedenfalls Unbehagen. Ich werde es in Beziehung auf Tiere nicht mehr benützen, das nehme ich mir vor. Aber damit ist die Frage nach der Art meines Verhältnisses zu Tieren nicht aus der Welt. Nach lebenslangem Umgang mit ihnen bin ich mir eine Antwort schuldig.

Dass Gleichgültigkeit, bestenfalls, und Grausamkeit, schlimmstenfalls, menschliche Grundhaltungen den Tieren gegenüber sind, ist unbezweifelbar. Wer darüber nachdenkt, ist geneigt, die Gründe dafür im nachsintflutlichen Herrschaftsauftrag Gottes an die Menschen zu suchen: „ Furcht und Schrecken vor euch sei über allen Tieren auf Erden und über allen Vögeln unter dem Himmel, über allem, was auf dem Erdboden kriecht, und über allen Fischen im Meer; in eure Hände seien sie gegeben."

Ich glaube nicht an dieses Bibelwort als die Ursache für menschliches Fehlverhalten den Tieren gegenüber, halte es vielmehr für dessen Folge, für die literarische Spiegelung eines schon Existenten, denn menschliches Verhalten ist älter als diese frommen Geschichten. Es ist die Sprachlosigkeit der Tiere, die den Menschen im Umgang mit ihnen schon immer sein ließ, wie er ist: gleichgültig, wo seine Sinne stumpf sind und er wenig anderes auf der Welt wahrnimmt als sich und seine Begierden; grausam, wo er von Ungeduld beherrscht wird und das kommunizierende Wort, das nicht erwidert wird, schließlich durch Peitsche und Eisen ersetzt; verstehend, wo die Sprachlosigkeit der Tiere seine Neugier weckt und den Willen anspornt, sie aus ihren Gesten und Reaktionen zu begreifen; preisend, wo Wal und Wurm ihm gleich viel sind, weil er im Tier nicht das Tier, sondern die Schöpfung sieht, wie Franz von Assisi; liebend, wo er sich mit den Tieren gemein macht und von den Menschen seinen Abschied nimmt.

Unter den heiligen Texten, die sich mit dem Tier befassen, regte mich nur eine Stelle zum Nachdenken an, jene, wo Gott Adam aufforderte, die Tiere zu benennen. Der Mensch ordnete sie sich daraufhin nicht nur zu, gab ihnen nicht nur Namen. Mit der Scheidung des Tieres in die Tiere kamen sowohl der Ekel vor ihnen als auch das Entzücken über sie in die Welt: Der Mensch schuf sich die Tiere noch einmal, und zwar nach seinem geringen Verstand, und also nach seinem Geschmack. Man muss deshalb, fragt nach eines Menschen Verhältnis zum Tier, genauer fragen: Zu welchem Tier ?

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Hoimar v. Ditfurth:
Vom Ebenbild Gottes zum Homo sapiens

Wandlungen menschlichen Selbstverständnisses

Deutsche Rundschau 7 / 1947
Nachgedruckt in: Unbegreifliche Realität
Rasch und Röhring Verlag, Hamburg, 1987

– gekürzt und leicht verändert –

Tatsache ist, dass der Mensch des Abendlandes sich vor fünfhundert Jahren in einem seelischen Gleichgewicht befand, das wir uns heute kaum noch vorstellen können, und dies unter äußeren Umständen, die uns heute die Hände über den Kopf zusammenschlagen lassen über solchen Seelenfrieden. Einer vergleichsweise winzigen Schar auserlesener Mächtiger war die gesamte übrige Masse mehr oder weniger machtlos und auch rechtlos in die Hand gegeben. Um so erstaunlicher ist der Seelenfriede des einzelnen. Dieser zeigt sich u.a. darin, dass der Mensch die Zustände als Ungerechtigkeit überhaupt nicht empfand. Selbstverständlich litt er menschlich unter dem einzelnen Akt der Willkür. Aber er litt nicht darunter, dass andere über Rechte und Dinge verfügten, die ihm selbst von vornherein versagt waren. Die Gerechtigkeit, die der Mensch damals zur Erhaltung seiner Selbstachtung brauchte, war nicht die irdische, sondern die göttliche Gerechtigkeit. Das Weltbild des mittelalterlichen Menschen ist die göttliche Weltordnung. Diese gleicht einem Kegel, dessen Spitze Gott als das höchste Allgemeine bildet. Von dieser Spitze entfernen sich die Gattungen zunehmender Besonderheit und Beschränkung stufenweise immer weiter, bis mit der Basis die tote Materie als größtmögliche Entfernung irdischen Seines von Gott erreicht ist. Zwischen diesen Extremen regieren Fürsten von Gottes Gnaden über Untertanen, deren Stellung und Staffelung untereinander ebenso von Gott gewollt ist. Es ist verständlich, dass der Begriff sozialer Gerechtigkeit in diesem weltanschaulichen Gebäude nicht einmal theoretisch Platz hat.

Der Zusammenbruch dieses Weltbildes ist mit vielen Namen und geistigen Strömungen verknüpft. Das, was seit Jahrhunderten seine Würde ausgemacht hatte, empfand der Mensch nun als Joch – nachdem es ihm jahrhundertelang selbstverständlich gewesen war, dass das Ende menschlichen Denkens bei Gott anlangen müsse, wenn es nur logisch sein; da ja der Verstand von Gott geschaffen, glaubt man jetzt, den Verstand emanzipieren zu müssen. Das Vertrauen in die Kraft menschlichen Verstandes - wenn er erst einmal von allen Beschränkungen befreit sein würde – steigt ungeheuerlich. So beginnt man damit, dass man den Menschen und die Welt zerhackt in einen Teil, der Gott gehört, und in einen anderen, der die Domäne des menschlichen Verstandes sein soll. Und damit verlässt der Mensch seine Ebenbildlichkeit Gottes und macht sich kühn auf den Weg, die Welt zu gewinnen. Irgendwo auf diesem Weg ahnt er, dass er selbstmächtig ist kraft seines Verstandes, nicht mehr bloß „Ebenbild„, sondern „Ich, der Mensch„.

Martin Luther führte einen der tödlichsten Schläge gegen das mittelalterliche Weltbild der göttlichen Stufenordnung, weil er nicht einsah, warum die Menschen vor Gott nicht gleich sein sollten. Damit ersetzt er die bisher gottgegeben betrachteten Grade der Vollkommenheit durch ein System, welches das Motto der folgenden Jahrhunderte darstellt: das System der vom menschlichen Verstand gegebenen Gerechtigkeit. Wie sehr Luther selbst unbewusst und als psychischer Exponent seiner Zeit handelte, wie wenig er wusste, was er tat, erkennt man aus seinem völlig überraschten Entsetzen angesichts des großen Bauernaufstandes.

Nachdem eine große Zahl der erlesensten Köpfe die Beschränkungen des Denkens beiseite geräumt hat, beginnt sich dieser freie, von nichts als der menschlichen Logik gelenkte Geist zu regen. Mit fassungslosem Staunen betritt der Mensch ein unübersehbares Feld wissenschaftlicher und geistiger Möglichkeiten. Und wenn er seinen Geist rührt, so glaubt er fest, es nur zu tun, um die Spuren des Schöpfers in der Welt nachzuweisen.
Immer größer wird das Vertrauen auf die ratio humana, immer ausschließlicher wird sie es, auf die der Mensch sich stützt. Im 18. Jahrhundert beginnen die Gemeinschaften noch wahrhaft gläubiger Menschen bereits den Charakter von Sekten anzunehmen; sie sind in gewissem Sinne Kuriosa, denn gleichzeitig beginnt man in aufgeklärten Kreisen von der Wohnungsnot Gottes zu sprechen. Der Begriff „Gott„, an dem man noch festhält in einer Mischung von Pietät, Tradition und nicht zuletzt auch diplomatischer Rücksicht auf die Gefühle der Untertanen sowohl wie auf ihren Gehorsam, wird in diesen Kreisen allmählich als peinlich empfunden. Im Grunde hat man ihn schon nicht mehr nötig, wenn auch die wenigsten schon den Mut aufbringen, das offen einzugestehen. Der menschliche Verstand demaskiert sich als Widersacher Gottes, und aus dem menschlichen Streben nach Ausschöpfung der menschlichen Möglichkeiten ist ein Totalitätsanspruch geworden. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit heißt die Parole der Französischen Revolution. Freiheit von allen Bindungen, die außerhalb der Erwägungen der Vernunft liegen, Gleichberechtigung aller und Brüderlichkeit untereinander – das sind die verlockenden und idealen Gesetze der neuen Ordnung. Auch diese Ordnung wird wie jede Ordnung der Geschichte von einem Glauben getragen: Es ist der unerschütterliche Glaube an die irdische Allmacht der Vernunft, daran, dass die neue Ordnung, die menschliche Ordnung der Welt, nach den Regeln der Zweckmäßigkeit arbeitend, imstande ist, alle Menschen glücklich zu machen. Es ist die Geburtsstunde des Homo sapiens. Der Mensch als alleiniger Herr seines Schicksals, ein Herrschaftsanspruch, wie er totaler und grandioser nicht gedacht werden kann. Der wissende Mensch sucht nicht mehr nach dem Sinn des Lebens, er bestimmt ihn. Die Ethik, das Problem des Gut und Böse, bisher transzendent festgelegt, dem menschlichen Zugriff entzogen, wird neu entworfen.

Der Sozialismus ist nur im Rahmen dieser Evolution wirklich zu verstehen. Der Gleichberechtigung der Seelen vor Gott durch die Reformation folgt jetzt die konkrete Forderung, auch die irdischen Möglichkeiten im Sinne menschlicher Gerechtigkeit zu ordnen. All das, was sich früher an der Spitze des Kegels in Gottnähe an Werten konzentrierte, muss sich jetzt gleichmäßig nivelliert über die gesamte menschliche Gesellschaft verteilen. Eine andere Einteilung wäre von dem neuen Glauben aus gesehen einfach willkürlich und grotesk.

Die offenbarsten Triumphe feiert die Wissenschaft. Sie ist das Gegenüber des angebeteten Verstandes und einer Welt, die nicht mehr göttliche Schöpfung ist, sondern den Charakter einer gewaltigen Denksportaufgabe für die Menschheit trägt. Der Ausdruck „Gott„ ist lediglich der Terminus technicus für den vorläufig noch unerklärten Rest eines Kosmos, der prinzipiell mit dem Verstande völlig erklärt werden kann.

Das hier skizzierte Weltbild ist Tatsache gewesen, es war das Zeitalter des Homo sapiens. Wenn wir diese Bezeichnung näher betrachten, begreifen wir erschüttert die notwendig in ihr enthaltenen Wurzeln des Entsetzens, ahnen wir die katastrophale Konsequenz für den, der sich selbst erhöhte. In ihr verbinden sich prometheushafter Stolz und eine geradezu beispiellose Entwürdigung. Das Attribut der selbstgegebenen Bezeichnung stellt wohl die größte Arroganz dar, deren der Mensch in seiner bisherigen Geschichte fähig gewesen ist. während der Gesamtausdruck ihn zur biologischen Gattung stempelt. So stürzte sich der Mensch vom Throne seiner Ebenbildlichkeit, um mehr zu erlangen, und fand sich als – wenn auch bemerkenswertes – Sonderexemplar unter den anderen Tieren wieder.
Der Mensch hatte die Welt gewonnen, aber es hat ihm nichts geholfen, um aus dem selbstgeschaufelten Grab der Sinnlosigkeit wieder entweichen zu können. Im Mittelalter sprach man von der Ratio noch als einem göttlichen Attribut; jetzt bezeichnet man als rationell die Rentabilität der Arbeitsweise einer Fabrik. Aber die Folgen des Verstandesglaubens, des Rationalismus als Religion, sind nicht nur hässlich und würdelos. Wie dem König Midas sich alles in Gold, so verwandelt sich dem Homo sapiens alles, was er anpackt in Verderben. Das Verderbliche ist hier der Umstand, dass die Vernunft als Normal-Null am ethischen oder rechtlichen Maßstab kein absoluter Wert ist. So war schließlich der Gipfel des Wahnsinns und als Konsequenz der Vernunft das perverse Phänomen möglich, dass Menschen, die sich [dieser Vernunft] verweigerten, im KZ verschwanden.

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Don DeLillo: Weißes Rauschen

(White Noise, 1984)
(deutsch von Helga Pfetsch)
Kiepenheuer und Witsch, Köln, 1987
S. 208-210


(Nach einem Unfall in einer Chemiefabrik muss ein Städtchen in den USA evakuiert werden. In einem Auffanglager entspinnt sich der folgende Dialog zwischen Sohn und Vater.)

„Es ist, als wenn wir in der Zeit zurückgeworfen worden wären. Wir sind hier im Steinzeitalter; wir wissen nach Jahrhunderten des Fortschritts all diese tollen Dinge, aber was können wir tun, um den Steinzeitmenschen das Leben zu erleichtern ? Können wir einen Kühlschrank bauen ? Können wir erklären, wie er funktioniert ? Was ist Elektrizität ? Was ist Licht ? Wir erleben diese Dinge jeden Tag unseres Lebens, aber was nützt es, wenn wir plötzlich in der Zeit zurückgeworfen sind und wir den Leuten nicht einmal die grundlegenden Prinzipien erklären können, geschweige denn etwas herstellen, was die Lage verbessern könnte. Nenn mir einen Gegenstand, den du herstellen könntest. Könntest du ein einfaches Streichholz aus Holz herstellen, das man an einem Felsen reiben kann, um eine Flamme zu bekommen ? Wir glauben, dass wir so großartig und modern sind. Mondlandungen, künstliche Herzen. Was aber, wenn man im Zeitraffer zurückgeschleudert würde und auf einmal einem alten Griechen gegenüberstünde ? Die Griechen haben die Trigonometrie erfunden. Sie haben Autopsien und Sezierungen vorgenommen. Was könnte man einem alten Griechen erzählen, ohne dass er sagt: Na und, was ist das schon ? Könntest du ihm etwas über Atome erzählen? Atom ist ein griechisches Wort. Die Griechen wussten schon, dass man die wichtigsten Vorgänge im Universum nicht mit dem menschlichen Auge sehen kann. Wellen sind das, Strahlen, Partikel.„

„Uns geht´s doch nicht schlecht.„
„Wir sitzen hier in diesem modrigen Raum. Es ist, als wenn wir zurückgeworfen worden wären.„ „Wir haben Wärme und Licht.„

„Das sind Steinzeitdinge. Sie hatten damals auch Wärme und Licht. Sie kannten das Feuer. Sie rieben Feuersteine aneinander und erzeugten Funken. Könntest du Feuersteine aneinander reiben? Würdest Du einen Feuerstein erkennen, wenn du einen sähest ? Wenn ein Steinzeitmensch dich fragen würde, was ein Nukleotid ist, könntest du es ihm sagen ? Wie stellen wir Kohlepapier her ? Was ist Glas ? Wenn du morgen im Mittelalter aufwachen würdest und eine Epidemie wüten würde, was könntest du tun, um ihr Einhalt zu gebieten, mit all deinem Wissen über den Fortschritt der Medizin und Krankheiten ? Wir befinden uns praktisch im einundzwanzigsten Jahrhundert, und du hast Hunderte von Büchern und Zeitschriften gelesen und hundert Fernsehsendungen über Naturwissenschaften und Medizin gesehen. Könntest du diesen Leuten eine einzige kleine entscheidende Sache sagen, die eineinhalb Millionen Menschenleben retten könnte ?

„ Kocht euer Wasser ab, würde ich sagen.„
„Klar. Wie wär´s mit: Wascht euch hinter den Ohren. Das taugt ungefähr genauso viel." „Trotzdem finde ich, dass es uns ziemlich gut geht. Wir haben Essen, wir haben Radios.„ „Was ist ein Radio ? Was ist das Prinzip des Radios, Na los, erklär es. Du bist umringt von diesen Menschen. Sie benützen Steinwerkzeuge. Sie essen Maden. Erklär ihnen das Radio.„

„Da ist nichts rätselhaftes dran. Mächtige Sender schicken Signale aus. Sie fliegen durch die Luft und werden von Empfängern aufgefangen.„

„Sie fliegen durch die Luft. Wie Vögel, was ? Warum redest du nicht gleich von Wundern ? Sie bewegen sich in magischen Wellen durch die Luft. Was ist ein Nukleotid ? Das weißt du nicht, oder ? Dabei sind das die Baustein des Lebens. Was nützt da Wissen, wenn es nur in der Luft schwebt ? Es geht von einem Computer zum anderen. Es verwandelt sich und wächst jede Sekunde, jeden Tag. Aber keiner weiß wirklich etwas.„

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